Pressestimmen über das IML Braunschweig
Pressespiegel
Das schreiben andere über uns.

 Hier finden Sie eine Auswahl an Artikeln und Radiobeiträgen.
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 Gifhorner Rundschau vom 24.05.2008    24. 05. 08    [Text]   [PDF]  (140 KB)
 Wolfenbütteler Zeitung vom 25.07.2007    25. 07. 07    [Text]   [PDF]  (170 KB)
 Familienmagazin clic clac Juni 2007    Juni 07    [Text]   [PDF]  (410 KB)
 Braunschweiger Zeitung vom 07.11.2006    7. 11. 06    [Text]   [PDF]  (190 KB)
 Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 17.10.2006    17. 10. 06    [Text]   [PDF]  (1,0 MB)
 Peiner Allgemeine Zeitung vom 17.11.2005    17. 11. 05    [Text]   [PDF]  (880 KB)
 Braunschweiger Zeitung vom 01.11.2005    1. 11. 05    [Text]   [PDF]  (60 KB)
 Salzgitter Woche vom 23.01.2005    23. 01. 05    [Text]   [PDF]  (750 KB)
 Wolfenbütteler Schaufenster vom 16.01.2005    16. 01. 05    [Text]   [PDF]  (670 KB)
 Braunschweiger Zeitung vom 14.11.2003    14. 11. 03    [Text]   [PDF]  (700 KB)
 Braunschweig Report vom 09.07.2003    9. 07. 03    [Text]   [PDF]  (490 KB)
 neue Braunschweiger vom 24.10.2002    24. 10. 02    [Text]   [PDF]  (920 KB)
 Braunschweiger Zeitung vom 24.10.2002    24. 10. 02    [Text]   [PDF]  (860 KB)


Radioreportagen zum Thema Dyskalkulie/Rechenschwäche
WDR5 WDR5, 16.06.2008    von Daniela Kurz
Zum Anhören:   WDR5.mp3   (27:00 min/6,2 MB)
NDR1 NDR1, 20.04.2005    von Lennart Herberhold
Zum Anhören:   NDR1.mp3     (5:30 min/1,0 MB)

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Gifhorner Rundschau vom 24. Mai 2008
   (Original-PDF, 140 KB)

Gifhorner Rundschau vom 24.05.2008

Wenn Kinder plus und minus an den Fingern abzählen

Rechenschwäche betrifft oft Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom – ADHS-Gesprächskreis lädt zum Vortrag mit Wissenschaftler ein

Statt mit Zahlen zu rechnen, zählen sie bei „plus“ an den Fingern mühsam hoch und bei „minus“ runter. Auch aufgeweckte Kinder verwechseln die Grundrechenarten wie Addition und Subtraktion, besonders „geteilt“ stellt sie vor unüberwindbare Hürden. Solche Kinder leiden unter Rechenschwäche – auch Dyskalkulie genannt.

Wer den Zugang zu den Zahlen nicht findet, kann die Stufen der Mathematikleiter nicht erklimmen. Und wer das Dividieren nicht beherrscht, wird spätestens an der Bruchrechnung scheitern. Eine rechtzeitige und gezielte Förderung hilft diesen Kindern, den Teufelskreis von schlechten Leistungen, Frust, Angst und Kummer zu durchbrechen, damit das Rechnen nicht zur Qual wird.

Rechenschwäche, was ist das?

Hyperaktivität und Dyskalkulie treten nicht grundsätzlich gemeinsam auf. Trotzdem können die Begleiterscheinungen des ADHS eine Rechenschwäche durchaus verursachen oder verstärken.

Neben den Problemen, die bei Kindern mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS auftreten, oder Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben, sind es diese Kinder, die ein nur geringes Verständnis von Zahlen und Mengen entwickelten. Um auf die Probleme aufmerksam zu machen, veranstaltet der ADHS-Gesprächskreis Sassenburg einen Vortrag mit dem Thema „Die Qual mit der Zahl“.

„Da Kinder mit ADHS große Schwierigkeiten mit der Steuerung ihrer Aufmerksamkeit haben, kommt es immer wieder zu gravierenden schulischen Problemen“, sagt Margit Tütje-Schlicker, Vorsitzende des ADHS-Gesprächskreises Sassenburg. „Aufklärung und Information zum Thema Dyskalkulie und ADHS sind deshalb so wichtig, weil bei etwa 30 Prozent der ADHS-Betroffenen auch eine Rechenschwäche festgestellt wird. Auch in unserer Gruppenarbeit stellen wir häufig sogenannte Begleitstörungen fest, am häufigsten Lese-Rechtschreibschwäche oder eben die Dyskalkulie“, sagt die Leiterin der Selbsthilfegruppe.

Nach Schätzungen von Experten haben in Deutschland vier bis sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen ernsthafte Probleme beim Rechnen. Festgestellt wird die Rechenstörung meist erst in der 3. oder 4. Klasse, wenn die Mathe-Note deutlich von den anderen Zensuren abweicht. Ein Teufelskreis für Kinder, aber auch für Eltern. Dabei gibt es Warnsignale. Betroffene Kinder wirken im Unterricht oft ratlos und verunsichert, quälen sich mit den Hausaufgaben herum und vergessen mühsam Erlerntes schon wieder nach ein paar Tagen. Ein wesentlicher Grund liegt darin, dass die Zahlen nicht als Stellvertreter für Mengen verstanden worden sind.

Um der Problematik ADHS und Dyskalkulie auf den Grund zu gehen, lädt der ADHS-Gesprächskreis Eltern und Interessierte zu einer Informationsveranstaltung, am Dienstag, 27. Mai 2008, um 18 Uhr unter dem Motto „Rechenschwäche – die Qual mit der Zahl“ in die Grundschule Sassenburg, Hauptstraße 100, ein.

Dyskalkulie rechtzeitig erkennen

Was Dyskalkulie ist und wie die Auswirkungen im Mathematikunterricht für die Kinder, die diese Schwäche haben, aussehen, darüber wird der wissenschaftliche Leiter des Institutes für mathematisches Lernen Braunschweig, Dr. Michael Wehrmann, an diesem Abend informieren. Er plädiert für eine gezielte Förderung, die schon früh beginnen müsse. „Rechtzeitige Förderung bei rechenschwachen Kindern sind für den Erfolg in der Schule und im späteren Beruf von großer Bedeutung“, sagt Dr. Wehrmann.

„Ich würde es sehr begrüßen, wenn schon im Kindergarten erkannt würde, dass sich eine Rechenschwäche oder auch eine Aufmerksamkeitsstörung, also ein ADHS, abzeichnet. Dann kann noch einiges getan werden, um den Verlauf günstig zu beeinflussen. Das wiederum würde allen Beteiligten zugute kommen. Dazu müssten aber entweder die Erzieherinnen geschult werden oder aber die Möglichkeit haben, entsprechende Fachkräfte einzubeziehen“, sagt Margit Tütje-Schlicker.

Stichwort

ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) ist die häufigste und meist chronisch verlaufende Erkrankung im Kindes- und Jugendalter. Ungefähr drei bis sechs Prozent aller Kinder sind davon betroffen, Jungen rund drei bis neunmal häufiger als Mädchen. Unter ADHS wird eine verminderte Fähigkeit zur Selbststeuerung verstanden. Sie äußert sich meist in Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, ausgeprägter körperlicher Unruhe und impulsivem, unüberlegtem Handeln. Die Symptome sind bei jedem Betroffenen individuell ausgeprägt. Gehäuft treten weitere Erkrankungen im Zusammenhang mit ADHS auf. Infos: www.adhs-deutschland.de

Kriterien für Dyskalkulie

Aus dem mathematischen Bereich:
  • Das Kind rechnet Aufgaben zählend.
  • Das Kind kann nur mit Anschauungsmaterial rechnen.
  • Das Kind rechnet nach einem Schema. Verändert sich die Aufgabenstellung, weiß es nicht mehr, was es tun soll.
  • Üben nützt überhaupt nichts. Heute im Mathematikunterricht Gelerntes ist in ein paar Tagen schon wieder vergessen.
Aus dem alltäglichen Bereich:
  • Das Kind klagt über Bauch- oder Kopfschmerzen, oder es klagt über Übelkeit.
  • Das Kind hat Probleme im Umgang mit Geld, mit der Zeit.
  • Das Kind wird ängstlich und anhänglich – oder aggressiv.
Aus dem Lernverhalten:
  • Das Kind blockt ab, wenn es um Mathematik geht.
  • Das Erledigen der Mathematik-Hausaufgaben nimmt ungewöhnlich viel Zeit in Anspruch.
  • Das Kind sucht verzweifelt nach einem Schema. Wechselt der Aufgabentyp, weiß es nicht mehr, was es machen soll.

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Wolfenbütteler Zeitung vom 25. Juli 2007
   (Original-PDF, 170 KB)

Wolfenbütteler Zeitung vom 25.07.2007

Magenschmerzen wegen Mathe

Neunjähriges Mädchen aus Cremlingen leidet an einer Entwicklungsverzögerung im rechnerischen Denken

von Christine Pelz

Das Ergebnis der Rechenaufgabe 5 · 4 kommt wie aus der Pistole geschossen: „20“, sagt Lisa Kursawe. Selbstverständlich ist dies für die Neunjährige nicht. Lisa leidet an Dyskalkulie, einer Rechenschwäche.

Nach einem mehrwöchigen Fehlen in der 2. Klasse fand das Mädchen nicht mehr den Anschluss im Matheunterricht. „Sie hatte morgens Magenschmerzen, wollte nicht zur Schule und hatte regelrecht Angst vor Mathe“, erinnert sich die Mutter Tanja Kursawe.

Immer wieder übten die Eltern mit dem Mädchen, sprachen mit der Lehrerin, kamen aber letztlich nicht weiter. Schließlich ließ ein Zeitungsbericht über Dyskalkulie die Eltern aufhorchen. Anfang der dritten Klasse ließen sie ihre Tochter im Institut für Mathematisches Lernen in Braunschweig testen.

Im Gutachten nun steht es schwarz auf weiß: Die Neunjährige leidet an einer Dyskalkulie leichten bis mittleren Ausprägungsgrades und damit an einer Entwicklungsverzögerung im rechnerischen Denken. Bislang konnte sich Lisa noch keinen fundierten kardinalen Zahlenbegriff erarbeiten.

Das aber soll sich ändern. Einmal wöchentlich erhält sie in besagtem Institut Förderunterricht und bekommt Hausaufgaben. „Das läuft zunächst, bis sie den Anschluss an den Schulstoff wiedergefunden hat“, erklärt die Mutter. Wie lange das dauern wird, könne derzeit niemand sagen.

Lisa indes hat gelernt, mit ihrem Problem offen umzugehen. Ihre Freunde wissen um die Rechenschwäche. „Die sagen, dass ich mehr üben muss und dass sie mich trotzdem mögen.“ Erste Erfolgserlebnisse lassen das Selbstbewusstsein des Mädchens langsam wieder wachsen.

Anders bewertet wird sie dennoch nicht. „Ich denke, dass es einfacher wäre, wenn es für diese Kinder eine andere Regelung gäbe“, sagt Tanja Kursawe. Doch die Lehrer hätten deutlich gemacht, dass sie trotz der Diagnose keine Rücksicht nehmen könnten. Sie hätten jedoch Kontakt zum Mitarbeiter des Instituts, der Lisa einmal wöchentlich unterrichtet. Zudem nehme sie am Förderunterricht Mathe in der Schule teil.

Lisas Zwillingsschwester Lena übrigens ist nach Angaben der Mutter eine „Mathe-Überfliegerin“: Sie beteilige sich an Wettbewerben und schreibe gute Zensuren.

Die Eltern indes sind froh, herausgefunden zu haben, woran es liegt, dass Lisa in Mathe bislang nicht mitkommt. „Wir sehen es gelassener als vorher und wissen, dass sie im Institut in professionellen Händen ist.“

Fakten
  • Der Begriff „Dyskalkulie“ stammt aus dem Griechischen. Die Vorsilbe „dys“ bedeutet schwierig, schwer, „kalkulie“ hingegen (be-)rechnen, überlegen und ebenso in Erwägung ziehen.
  • Genau wie bei der Legasthenie handelt es sich bei der Dyskalkulie um eine Teilleistungsstörung, die bei normaler beziehungsweise überdurchschnittlicher Intelligenz auftreten kann.
  • Die Dyskalkulie umfasst Probleme in mathematischen Grundlagen, unter anderem in den Grundrechenarten.

Nicht jedes richtige Ergebnis beruht auf Verständnis

Mit dem wissenschaftlichen Leiter des Instituts für Mathematisches Lernen in Braunschweig, Dr. Michael Wehrmann, sprach Redakteurin Christine Pelz. Wehrmann lebt in Wolfenbüttel und hat über qualitative Diagnostik der Rechenschwäche promoviert.

Herr Dr. Wehrmann, wie erkenne ich bei einem Kind Dyskalkulie?
Indem ich genau hinschaue und sehe, ob es bei einfachen Aufgaben alles von vorne abzählen muss. Es erkennt dann in einfachen Bereichen keine Zusammenhänge. Nicht jedes falsche Ergebnis beruht auf Unkenntnis, aber auch nicht jedes richtige auf Verständnis.

Worin hat Dyskalkulie ihre Ursache?
Das kann man nicht pauschal beantworten. Erbliche Faktoren kenne ich nicht. Eine seltene Möglichkeit ist eine Schädigung des Gehirns. Sie kann aber beispielsweise auch lediglich auf mangelnden vorschulischen Voraussetzungen beruhen.

Warum führt diese Rechenschwäche nicht zu einer anderen Bewertung im Unterricht?
Oft haben Lehrer sich noch gar nicht mit der Problematik auseinander gesetzt. Es gibt seit 2005 einen Erlass des Kultusministeriums, der Legasthenie und Dyskalkulie gleichsetzt. Die Schule wird damit gefordert, genau hinzusehen. Es ist allerdings im Ermessen der Schule, wie dies in die Bewertung einfließt. Im Erlass ist die Rede von entlastenden Maßnahmen. Das kann auch heißen, keine normale Leistungsbewertung vorzunehmen.

Was kann getan werden gegen Dyskalkulie?
Eltern müssen frühzeitig hingucken. Bereits in der 1. Klasse muss ich mein Kind beobachten, wie es mit Zahlen umgeht. Einzelne Rechenoperationen sollten sich Eltern von den Kindern erklären lassen.

Wie viele Fälle aus dem Landkreis Wolfenbüttel betreut Ihr Institut?
Wir haben aus dem Kreis 23 Kinder, aus der Stadt 9. Studien gehen von 5 Prozent aller Grundschüler aus, die Dyskalkulie haben.  …

Werden die Kosten erstattet?
Dafür gibt es zwei Möglichkeiten. Zum einen kann das Kind von einem Kinder- und Jugendpsychiater untersucht werden auf eine aus der Dyskalkulie resultierende psychische Störung. Dann kann es vom Jugendamt als förderungswürdig eingestuft werden. Man darf aber nicht vergessen, dass ein solcher Befund immer auch ein Stigma ist. Zum anderen gibt es die VOW-Stiftung for children, die Gelder für Dyskalkulie- und Legasthenie-Fälle zur Verfügung stellt.

Kann Dyskalkulie behoben werden?
Ja, wenn keine medizinischen Ursachen dagegen sprechen. Dann braucht es zwischen ein und drei Jahren Zeit – in Abhängigkeit von vielen Faktoren.

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Familienmagazin clic clac vom Monat Juni 2007
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Familienmagazin clic clac Juni 2007

Rechenschwäche – die Qual mit der Zahl

Im Institut für Mathematisches Lernen bekommen Schüler Hilfe

von Albrecht Gründler

Löst die zehnjährige Tara aus Braunschweig Rechenaufgaben, dann taucht sie immer wieder in eine fabelhafte Welt der Zahlen ein – und stellt Lehrer und Eltern anschließend gleichermaßen vor Rätsel: Bei 81–79 lautet ihre Antwort 18. Warum nur? Tara ist nicht faul, auch Flüchtigkeitsfehler sind nicht ihr Problem. Ihr Vater übte Nachmittage lang mit ihr Mathematik, niemand konnte sich so recht erklären, warum das intelligente Mädchen einen Fehler nach dem anderem machte.

Seit kurzem steht nun fest: Tara hat eine Dyskalkulie (Rechenschwäche). Am IML musste sie in einem Untersuchungsgespräch laut vorrechnen und es stellte sich folgendes heraus: Tara rechnet erst die Zehner 8–7=1 und dann die Einer 9–1=8 (weil ja 1–9 nicht geht). Die beiden Ziffern zusammengefügt ergibt das „18“ – das ist logisch! Oder besser gesagt „subjektiv logisch“, denn das ist die eigene Mathematik-Welt von Tara.

Für Schüler wie sie haben Zahlen keine quantitative Bedeutung, oft sind Ergebnisse nur auswendig gelernt. Statt zu rechnen zählt Tara an den Fingern, um Aufgaben zu lösen.

Nach jüngsten Studien leiden rund 5 bis 6 Prozent aller Grundschüler unter einer Rechenschwäche. Die Ursachen sind vielschichtig. Bei einer Dyskalkulie gibt es charakteristische Auffälligkeiten: In der ersten Klasse fällt es den Kindern schwer, Mengen richtig einzuschätzen und zu vergleichen. Sie können oft nicht verstehen, dass es bei Zahlen um Anzahl geht – also um ein „wie viel“ – und verlieren darüber schnell den Anschluss. Einfache Fragen wie „Was sind mehr, 7 Elefanten oder 7 Mücken?“ beantworten sie mit „Die Elefanten natürlich!“ Die Rechenarten werden verwechselt, bei Zehnerzahlen schreiben sie die Einer zuerst, Mengen systematisch abzuzählen macht ihnen große Probleme.

Rechenschwache Kinder vermeiden oft den Umgang mit Geld, das Lernen der Uhr fällt ihnen sehr schwer. „Auffällig war bei meiner Tochter, dass sie nur dann etwas einkaufte, wenn ich ihr abgezähltes Geld oder große Scheine mitgab“, sagt Taras Mutter. „Auch verdrehte sie ständig die Zehnerzahlen und wusste nicht – ist das nun 56 oder 65?“

„Das finden wir häufig bei Kindern mit einer Rechenschwäche“, sagt Hermann Theisen, Leiter des Therapie-Zentrums für Rechenschwäche in Hannover. Nach seinen Erfahrungen leiden zudem viele der Schüler mit Dyskalkulie unter einer beträchtlichen Schulangst. Viele zeigen auch Folgesymptome wie Kopf- und Bauchschmerzen. Theisen betont: „Der Blick für entstehende Rechenprobleme sollte schon früh in der Grundschule geschärft werden. Abwarten und üben, üben, üben – das ist bei Rechenschwäche ein gänzlich kontraproduktiver Weg.“

Auch am Gymnasium finden sich Kinder mit Dyskalkulie, weil sie an der Grundschule nicht immer erkannt wird. Lernstarke Kinder entwickeln in Mathe durch Fleiß vielfältige Kompensationsstrategien, lernen auswendig, ohne die Logik zu erfassen. Und mit Einschätzungen wie „Man kann doch nicht überall gut sein!“ verschleiern die Schüler, wie wenig sie in Wirklichkeit vom Rechnen verstanden haben.

Wie sieht nun die fachliche Hilfe für solche Kinder aus? Zunächst fällt auf, dass in den Räumen des IML nichts an die Schule erinnert. Keine Tafeln, überall Teppich – und die Kinder dürfen sich ihren Apfelsaft mit in die Zimmer nehmen. Eine Spielecke lockt mit großen Stoffelefanten. Doch das wichtigste: hier treffen sie andere Kinder mit ähnlichen Schwierigkeiten. Die erste Erfahrung für sie lautet: Ich bin mit meinem Problem nicht allein!

Wir lauschen bei einer lerntherapeutischen Sitzung. Auf den ersten Blick sieht es aus wie in der Schule oder zu Hause, es liegt Material auf dem Tisch, Tara schiebt es hin und her. Doch schon bald fällt der Unterschied auf: Hier sollen nicht möglichst viele Aufgabenpäckchen durch Üben bewältigt werden, sondern über die Handlungen nachgedacht werden.

„Reflektierte Materialhandlung“ heißt dies in der wissenschaftlichen Literatur. Und dieses Konzept, das Dr. Wehrmann – aufbauend auf seiner Dissertation an der Humboldt-Universität zu Berlin – entwickelt hat, wird am IML in Individualtherapie konsequent umgesetzt.

Auch Tara profitiert davon. Nach einigen therapeutischen Sitzungen ist sie begeistert. Zum ersten Mal hat sie wirklich begriffen, warum 4 + 4 acht ergibt – und was das ganze mit 8–4 zu tun hat.

Doch damit ist erst ein kleiner Schritt des Weges gegangen, Tara weist einen Lernrückstand von mehreren Jahren auf. „Werden wir erst in der dritten oder vierten Klasse aktiv, kann so eine Lerntherapie durchaus zwei Jahre oder länger dauern“, erläutert Moira Wagner, die Lerntherapeutin von Tara. „Doch ich bin zuversichtlich, dass uns Mathematik irgendwann nicht mehr so schwer fallen wird“, ergänzt sie. Und Tara nickt ihr dabei lächelnd zu. Dem hätte Tara noch vor einem viertel Jahr nie und nimmer zugestimmt.

Interview mit Dr. Michael Wehrmann, Leiter des IML

Leiden nur Grundschüler unter Dyskalkulie?
Nein, wenn die Probleme nicht erkannt und behoben werden, bleibt die Dyskalkulie bis in höhere Klassen bestehen.

Das muss doch für die Kinder belastend sein?
Oh ja, solche Schüler können sich z. B. am Gymnasium gar nicht mehr bewähren und bilden deshalb häufig auch psychische Störungen aus.

Was empfehlen Sie unseren Lehrkräften?
Nachfragen, wie gerechnet wird und nicht nur auf's Rechenergebnis sehen. Wir bieten Fortbildungen an – dort wird der Blick geschärft für das Zahlverständnis der Kinder.

Was wünschen Sie sich von den Eltern?
Zuallererst das Üben bleiben lassen. Denn wenn Unverstandenes geübt wird, verstärken sich zumeist nur die Probleme.

Ab wann kann man diesen Kindern helfen?
Schon in der 1. Klasse ist Präventionsdiagnostik möglich. Bei Bedarf führen wir eine Frühbegleitung durch: Lerntherapeuten erarbeiten dann fundiert die ersten Lernschritte.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

Alle Artikel der Familienmagazin clic clac Serie zu Dyskalkulie:
Rechenschwäche – die Qual mit der Zahl   (PDF, 410 KB)
Dyskalkulie – was ist das eigentlich?  (PDF, 240 KB)
Dyskalkulie – wer hilft mir weiter?   (PDF, 210 KB)
Was ist eine Rechenschwächetherapie?   (PDF, 240 KB)
Früherkennung von Rechenschwäche   (PDF, 170 KB)
Lehrer sind mit Dyskalkulie überfordert   (PDF, 230 KB)

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Braunschweiger Zeitung vom 07. November 2006
   (Original-PDF, 190 KB)

Braunschweiger Zeitung vom 07.11.2006

Wenn Mathe zur Qual wird:
Hilfe für Kinder mit Rechenschwäche

Annika Blomberg ist rechenschwach – Im Institut für Mathematisches Lernen Braunschweig bekommt sie Hilfe

von Sandra Sliepen

Wenn Annika rechnet, ist sie hochkonzentriert. 11 plus 13, so lautet ihre Aufgabe. Das zehnjährige Mädchen schaut in die Ferne, geht im Kopf die Rechnung durch, spricht leise vor sich her. Dann hat Annika das Ergebnis. „24“, sagt sie und strahlt.

Nicht immer hat Annika das Rechnen solchen Spaß gemacht. Die Viertklässlerin leidet unter Rechenschwäche, auch Dyskalkulie genannt. Das bedeutet, Annika hat Schwierigkeiten, die Grundrechenarten zu verstehen und umzusetzen. Ihr fehlt das Verständnis für Mengen und Zahlen. Früher waren Mathehausaufgaben für Annika eine Qual. Zuhause übte sie mit ihrer Mutter. Stundenlang saßen sie über den Aufgaben, doch Annika verstand einfach nicht, was die Mutter ihr erklärte. Die Zahlen schwirrten in ihrem Kopf.

Rechnete sie zum Beispiel 81 minus 79 war Annikas Ergebnis stets 18. Wie kam sie darauf? Das Mädchen sah nur vier einzelne Zahlen: 8, 1, 7 und 9. Damit stellte Annika ihre eigene Rechnung auf. Sie zog die 7 von der 8 ab. Dann wollte sie die 9 von der 1 abziehen. Als sie merkte, dass das nicht geht, drehte sie die Zahlen kurzerhand um. 9 minus 1 ergab 8. So hatte Annika zwei Ergebnisse: 1 und 8. Die Zahlen stellte sie dann nur noch nebeneinander.

„Diese Rechnung ist typisch für rechenschwache Kinder“, sagt Dr. Michael Wehrmann, Leiter des Instituts für mathematisches Lernen in Braunschweig. „Den Kindern fehlt oft das Verständnis, dass die Zahl 81 größer ist als 79“, sagt er. „Sie kennen zwar die Zahlennamen und oft auch ihre Reihenfolge, verbinden sie aber nicht mit einer Anzahlvorstellung.“

Seit Januar 2006 macht Annika eine Therapie im Institut. Einmal die Woche trifft sie sich mit ihrer Lerntherapeutin Moira Wagner. Dann üben sie das Rechnen - ohne Mathebücher und Rechenhefte. Die Therapeutin gibt Annika keine klassische Nachhilfe. „Es geht nicht darum, Annika für Mathearbeiten fit zu machen“, sagt Wagner. „Ihr fehlen noch die Grundlagen. Die viel schwierigeren Prüfungsaufgaben verwirren sie nur.“

Trotzdem ist Annika nicht schlecht in Mathe. Sie brachte stets gute Leistungen mit nach Hause, auf ihrem Zeugnis steht die Note 2. „Ich hatte Glück, dass Aufgaben dran kamen, die ich Zuhause mit Mama geübt hatte“, sagt Annika. Außerdem lernte das Mädchen ganze Rechnungen einfach auswendig.

„Rechenschwache Kinder entwickeln solche Tricks, um auf das richtige Ergebnis zu kommen“, sagt Wehrmann. „Das Einmaleins kommt zum Beispiel wie aus der Pistole geschossen. Aber die Kinder haben die grundlegenden Zusammenhänge nicht im Ansatz verstanden.“

„Rechenschwache Kinder bekommen oft das Gefühl, sie seien dumm. Das stimmt nicht.“   (Dr. Michael Wehrmann)

Haben Lehrer und Eltern die Probleme der Kinder erkannt, folgen Förderunterricht und strenges Pauken. Und immer wieder dieser eine Satz: „Das ist doch so einfach!“ Ein Satz, der vielen Kindern die Tränen in die Augen treibt. „Rechenschwache Kinder bekommen oft das Gefühl, sie seien dumm. Das stimmt nicht. Aber die Mitschüler hänseln sie und die Lehrer werden ungeduldig“, sagt Wehrmann.

Völlig verschüchtert und ängstlich erlebt er die ersten Stunden mit etlichen von ihnen im Institut. „Viele Kinder glauben, hier ginge es so weiter wie in der Schule“, sagt er. Doch sein Ziel ist es, mit den Kindern über Zahlen zu reden, ihnen die Angst davor zu nehmen und ihnen die Grundlagen noch einmal ganz von vorne zu erklären. „Die meisten sitzen anfangs verkrampft vor mir, einige haben die Augen geschlossen oder zählen mit ihren Fingern unter dem Tisch.“ Denn die Finger zu benutzen, ist oft ab der dritten Klasse verboten. Die Kinder zählen dann heimlich oder denken sich „Luftfinger“ aus, die sie sich im Kopf vorstellen. „Eine unheimliche Anstrengung“, weiß Wehrmann. Und nicht nur im Matheunterricht: Überall im Alltag werden Kinder mit Zahlen konfrontiert. „Oft haben rechenschwache Kinder Probleme, die Uhr zu lesen“, sagt Wehrmann.

Seit 2005 gibt es einen Erlass des Kultusministeriums, nach dem die Mathenote bis zur vierten Klasse ausgesetzt werden kann. Annika braucht das nicht. Sie scheut sich nicht mehr vor schwierigen Rechnungen. Etwa zwei Jahre wird ihre Therapie dauern. … Annika macht schon jetzt große Fortschritte. Das harte Pauken Zuhause hat ein Ende, die Mathehausaufgaben sind schneller fertig. Und Annika hat ein großes Ziel: In Mathe genauso gut werden wie ihre Mitschüler. Und ihre Therapeutin ist sicher: „Annika schafft das.“

Das Institut für Mathematisches Lernen (am Steinweg 4 in Braunschweig) bietet Rechenschwäche-Therapien an. Weitere Informationen unter Telefon (0531) 12167750 oder unter www.iml-braunschweig.de.

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Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 17. Oktober 2006
   (Original-PDF, 1 MB)

Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 17.10.2006

Zahlendreher

Viele Schüler haben Probleme mit dem Mathematikunterricht. Etwa fünf Prozent scheitern aber schon an den Grundrechenarten. Doch diese Rechenschwäche, Dyskalkulie genannt, ist therapierbar.

von Gesa Lehrmann

Carolines Hände mit den silber lackierten Fingernägeln liegen ruhig vor ihr auf dem Tisch. Das schmal geschnittene Gesicht wirkt entspannt. Sie spricht ruhig, erinnert sich an die Zeit, als das noch anders war, als jede Rechenaufgabe zur Tortur wurde, das Gesicht verzogen und die Hände verkrampft die Zahlen abfuhren: „Das Ergebnis von 21 minus 19 ist 18“, erklärt Caroline T. „Zuerst rechne ich 2 minus 1. Danach eigentlich 1 minus 9. Da das aber nicht geht, muss ich 9 minus 1 rechnen.“ Das macht 8. Zusammen mit der 1 ergibt das 18. „Früher habe ich tatsächlich nach dieser Methode gerechnet“, sagt die 15-Jährige und zwinkert mit ihren dunkelbraunen Augen. „Inzwischen weiß ich natürlich, dass das falsch ist.“

Caroline leidet unter Rechenschwäche, auch Dyskalkulie genannt. Ihr entzieht sich das Verständnis für Mengen und Zahlen und für den Umgang mit den Grundrechenarten. „Als Caroline fünf Jahre alt war, ist mir aufgefallen, dass ihr das Spielen von Würfelspielen im Vergleich zu anderen Kindern schwergefallen ist“, erzählt Carolines Mutter, Elke T. Sie hat auch gemerkt, dass Caroline Zeitspannen nicht richtig abschätzen konnte – etwa, wann sie wieder zu Hause sein sollte. „Als das Einmaleinslernen bei ihr nur sehr langsam voranging und sie ohne Anschauungsmaterial nicht addieren oder subtrahieren konnte, bin ich mit ihr zu einem Therapiezentrum für Dyskalkulie gegangen“, sagt Grundschullehrerin Elke T.

Die damals achtjährige Caroline besuchte so lange eine Dyskalkulie-Therapie, bis sie wieder auf dem Leistungsstand ihrer Klasse war. „Mir ist die Vorstellung, was hinter all den Zahlen steckt, schon immer schwergefallen“, sagt Caroline, die inzwischen die neunte Klasse des Gymnasiums besucht, und streicht sich eine Strähne ihres braunen Ponys aus der Stirn. „Das hat sich in alltäglichen Situationen bemerkbar gemacht. Beim Kochen hatte ich Schwierigkeiten, wenn das Rezept nur für zwei Personen war, ich aber für sechs Personen kochen wollte“, erinnert sich das zierliche Mädchen. „Beim Pfannkuchenbacken ist mir das Abmessen der Milch und das Wiegen des Mehls schwergefallen.“ Wenn sie daran denkt, dass sie erst gestern ganz selbstverständlich für sich und ihre zwei jüngeren Brüder Eierkuchen zubereitet hat, kann sie selbst nicht mehr nachvollziehen, warum ihr das einmal Schwierigkeiten bereitet hat. Die Probleme liegen bei ihr heute woanders: beim Bruchrechnen. In der siebten Klasse hat sie die Grundlagen dafür nicht verstanden, deshalb macht Caroline jetzt ihre zweite Dyskalkulie-Therapie. Seit drei Monaten fährt sie – so wie heute – jeden Freitag mit dem Bus direkt nach der Schule zum Institut für Mathematisches Lernen in Braunschweig und spricht mit ihrem Lerntherapeuten Markus Brix über Mathematik. Obwohl sie eigentlich viel lieber Leichtathletik trainieren oder Keyboard spielen würde.

Markus Brix sitzt neben Caroline an seinem großen, aufgeräumten Schreibtisch und lässt sich von der Schülerin schildern, wie sie beim Rechnen vorgeht, um ihre Denkwege offen zu legen. „Rechenschwache eignen sich in ihrem Unverständnis oft falsche Strategien im Umgang mit Zahlen und Rechenoperationen an“, sagt Brix. „Man kann auch ein richtiges Ergebnis herausbekommen und dennoch falsch gedacht haben.“ Rechenschwache Schüler seien Meister im Auswendiglernen und von normalen Schülern im Zahlenraum bis 100 nicht zu schlagen. „Das Einmaleins sagen die meisten Rechenschwachen fehlerfrei auf, weil sie es wie ein Gedicht eingeübt haben“, sagt Brix.

Mit Dummheit oder mit Faulheit hat Rechenschwäche nichts zu tun, da sind sich die Forscher einig. Ein rechenschwacher Schüler kann in außermathematischen Fächern genauso begabt sein wie jeder andere auch. Dennoch kann Dyskalkulie zu ernsthaften Problemen in der Schule führen. Zum Beispiel dann, wenn der Schüler denkt, dass er dumm sei, weil alle bis auf ihn selbst rechnen können. „Daraus kann sich eine Lernunlust ergeben, die bis hin zu einer Schulphobie führen kann“, sagt Lerntherapeut Brix. „Dadurch kann es passieren, dass intelligente Kinder, die lediglich eine Matheschwäche haben, bis zur Sonderschule absteigen.“

So richtig gerne geht auch Caroline nicht zur Schule. Sie hat Glück, denn im Gegensatz zu vielen anderen rechenschwachen Jugendlichen wurde sie nie von ihren Mitschülern wegen ihrer falschen Ergebnisse gehänselt. Dennoch steht sie in der Schule unter großem Leistungsdruck: Seit der fünften Klasse wird sie wie jeder andere Schüler benotet – trotz ihrer Rechenschwäche. Bei Schülern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche, sogenannten Legasthenikern, darf laut Beschluss des Kultusministeriums die Schulnote in Deutsch und gegebenenfalls auch in Fremdsprachen bis einschließlich der zehnten Klasse ausgesetzt werden. Bei Rechenschwachen wie Caroline hingegen darf nur die Mathenote ausgesetzt werden. Und das auch nur bis einschließlich der vierten Klasse. „Diese Regelung steht im Einklang mit wissenschaftlichen Untersuchungen, die belegen, dass bei einer systematischen Förderung Rechenschwierigkeiten in der Grundschulzeit abgebaut werden können“, erklärt Georg Weßling, Pressesprecher des niedersächsischen Kultusministeriums.

Dass das so einfach nicht ist, weiß Caroline aus eigener Erfahrung. Sie hat eine Legasthenikerin als Mitschülerin und kann die Ungleichbehandlung nicht verstehen. „Ich musste die achte Klasse wiederholen und laufe ständig Gefahr wegen Mathe, Physik und Chemie wieder sitzen zu bleiben“, sagt Caroline leise. Ein wahnsinniger Druck. Trotzdem setzt sie sich ihm aus, denn sie möchte unbedingt ihr Abitur machen. Und danach vielleicht Geschichte und Deutsch studieren.

Nachgefragt bei Dr. Michael Wehrmann, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Mathematisches Lernen in Braunschweig

Was sind typische Anzeichen für eine Rechenschwäche?
Rechenschwache müssen häufig jede Rechnung immer wieder von vorne durchzählen. Beim Einkaufen bezahlen sie gerne mit großen Scheinen, können ihr Wechselgeld aber nicht überprüfen. Ein rechenschwaches Kind wirkt meist unkonzentriert, weil es aus dem Fenster oder an die Decke guckt. Es kann aber sein, dass es dabei eifrig zählt. Es sucht nur einen gleichmäßigen Hintergrund, um sich zum Beispiel Klötzchen vorzustellen und diese in Gedanken hin und her zu schieben, weil mit Fingern rechnen ja verboten ist.

Warum hilft Üben allein nicht?
Um Dyskalkulie zu therapieren, müssen die Inhalte verstanden werden. Wenn dieses Verständnis noch nicht vorhanden ist, macht es keinen Sinn zu üben, denn das würde nur eine Perfektionierung der unverstandenen Umgangstechniken bedeuten.

Ist Dyskalkulie überwindbar?
Ja, sofern keine allgemeine Intelligenzminderung oder eine Krankheit vorliegt und die Motivation zum Lernen vorhanden ist.

Welche Schulabschlüsse sind mit einer Rechenschwäche möglich?
Wenn die geistigen Bedingungen dazu vorhanden sind, können Rechenschwache jeden Schulabschluss machen. Es stehen auch alle Berufe offen. Ich kenne sogar eine Rechenschwache, die später Mathematik studiert hat.

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Peiner Allgemeine Zeitung vom 17. November 2005
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Peiner Allgemeine Zeitung vom 17.11.2005

Rechenschwache Kinder sind nicht dumm

Leiter des Instituts für Mathematisches Lernen hält spannenden Vortrag

Was fehlt einem Kind, das in der fünften Klasse nur mit Luftfingern und Eselsbrücken rechnen kann, das ständig Hände und Füße zu Hilfe nimmt und seine Eltern und Lehrer zur Verzweiflung bringt? „Doch wer 9+7 nicht zusammenzählen kann, muss weder dumm und schon gar nicht faul sein“, sagte Dr. Michael Wehrmann, wissenschaftlicher Leiter des IML (Institut für Mathematisches Lernen) in Braunschweig in seinem Vortrag zum Thema Rechenschwäche. „Die Qual mit der Zahl“ wurde von rund 150 Interessierten in der Brunsviga verfolgt.

Rechnen ist ein Kinderspiel – doch für manche Kinder auch eine Fülle schier unlösbarer Aufgabenstellungen. Gelangt die Rechenschwäche, auch Dyskalkulie genannt, heute als Teilleistungsstörung zunehmend in das Bewusstsein der Schulöffentlichkeit, so scheitern nach Schätzungen von Fachleuten rund sechs Prozent an den grundlegenden Anforderungen.

Anhand vieler anschaulicher Beispiele machte Wehrmann deutlich, mit welchen Schwierigkeiten rechenschwache Kinder und Jugendliche zu kämpfen haben. „Wer grundlegende Zusammenhänge nicht verstanden hat, für den sind Mathe-Aufgaben eine Katastrophe. Das führt nicht selten zu erheblichen Spannungen in der Familie“, so Wehrmann.

Probleme in Mathe würden oft als Blackout interpretiert. Doch der Absturz in der weiterführenden Schule sei vorprogrammiert, erläuterte der Leiter des Instituts aus seiner langjährigen Praxiserfahrung. „Kinder, die Aufgaben wie 73–48 oder 48+25 nicht flüssig im Kopf lösen können, müssen im späteren Schulalltag scheitern. Sie haben die Grundrechenarten nicht abgeschlossen und werden diese Probleme ohne gezielte Hilfe nicht mehr los.“

Der Grundstein für Mathematikfähigkeiten werde nach seiner Ansicht bereit im frühen Kindesalter gelegt. „Da hilft kein Pauken, der Dyskalkulie muss grundlegend abgeholfen werden. Erst durch eine Lerntherapie seien Schüler in der Lage, Mathematik wirklich zu begreifen und nicht durch bloßes Auswendiglernen zu täuschen“, so Wehrmann.

Die Ursachen für eine Rechenschwäche sind vielschichtig. Eine Förderdiagnostik für Kinder und Jugendliche jeden Alters gibt Aufschluss, ob eine Lerntherapie erforderlich ist.

Nähere Informationen erhalten Interessierte beim IML, Telefon 0531/12167750 oder im Internet unter www.iml-braunschweig.de.

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Braunschweiger Zeitung vom 01. November 2005
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Braunschweiger Zeitung vom 01.11.2005

Die tägliche Qual mit der Welt der Zahl

Das Institut für Mathematisches Lernen informiert in der Brunsviga über rechenschwache Kinder

von Harald Duin

„Rechenschwäche: Die Qual mit der Zahl“ – Thema einer Informationsveranstaltung am Donnerstag, 10. November. Beginn ist um 19 Uhr im Kultur- und Kommunikationszentrum Brunsviga, Karlstraße 35. Veranstalter ist das Institut für Mathematisches Lernen Braunschweig, das vor 3 Jahren gegründet wurde.

Dr. Michael Wehrmann, wissenschaftlicher Leiter des Instituts: „Im Bereich der Dyskalkulie (Rechenschwäche) hat sich einiges getan. Das Kultusministerium hat sich inzwischen dazu durchgerungen, die Dyskalkulie der Legasthenie (Lese- und Rechtschreibschwäche) nahezu gleichzustellen. Ein entsprechender Erlass wird in diesem Schuljahr Rechtskraft erlangen.“

Mittlerweile ist der Dyskalkulie-Ratgeber „Mein Kind ist rechenschwach“ in der 5. überarbeiteten Auflage erschienen. Interessierte Lehrer und Eltern können das 120-seitige Buch im Institut, Steinweg 4, beziehen.

Sind Kinder, die nicht rechnen können, dumm? Das Buch räumt mit diesem Vorurteil gründlich auf. Die Autoren schlagen sich deutlich auf die Seite der Kinder: „Untersuchungen zeigen, dass Kinder mit Rechenschwierigkeiten mit ihren eigenen Strategien rechnen.“ Wissenschaftler hätten entdeckt: „Rechenschwache Kinder erfinden keine neuen Fehler, die im Schulalltag nicht längst bekannt wären. Wohl aber sind Art und Grund ihrer Fehler, deren Ursprung um Jahre zurückliegen kann, selten ersichtlich.“

Das Buch nähert sich dem komplizierten Thema in einer anschaulichen Sprache. Wertvoll sind am Schluss des Buches die Tipps für das Üben mit rechenschwachen Kindern.

So sollen sich die Eltern davon lösen, auf Antworten lediglich mit „Richtig“ und „Falsch“ zu reagieren. Denn: „Sie haben mit der Nennung einer richtigen Lösung nichts erklärt, sondern nur ihre Autorität ausgespielt.“ Schließlich sollen die Eltern wissen: „Ein rechenschwaches Kind verausgabt wesentlich mehr Energie und Konzentration als ein Kind, das die Dinge einfach beherrscht.“ Der Informationsabend will mit einem neuen Blick auf das Thema gerade Eltern entlasten.

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Salzgitter Woche am Sonntag vom 23. Januar 2005
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Salzgitter Woche vom 23.01.2005

83–79=16? Viele Kinder leiden sehr unter Rechenschwäche

Was viele Eltern nicht wissen: Es gibt Hilfe bei Dyskalkulie

von Frank Groß

Luftfinger, abgekaute Nägel, Schlafstörungen. Das Taschengeld bleibt oft unangerührt. Und 83–79 ergibt 16. Zahlen haben keine mengenmäßige Bedeutung, sie sind als Ziffernbilder nur auswendig gelernt. Wie passt das alles zusammen?

Die Wissenschaft nennt es Dyskalkulie, dahinter steht für die betroffenen Kinder eine oft jahrelange Qual: Rechenschwäche. Überforderte Eltern kommen mit den Symptomen nicht zurecht: Die Kinder können scheinbar nicht verstehen, welche Zahl größer und welche kleiner ist, sie schreiben Ziffern seitenverkehrt und verwechseln Rechenarten. Rechenschwache Kinder benötigen immer wieder Zählhilfen: Finger, Zehen, Stifte und, wenn alles nicht mehr ausreicht, die so genannten ausgedachten Luftfinger. Oft gibt es vor den Hausaufgaben Stress und Streit. Lehnen sie wie im Fall der neunjährigen Katrin irgendwann alles, was mit Zahlen zu tun hat ab, werden die Kinder oft als faul oder unwillig beschimpft. Damit sind alle Beteiligten in der Spirale gefangen, die vor allem von einem Gefühl geprägt ist: Angst. Angst vor der Schule, Angst vor Mathe-Hausaufgaben, Angst vor Zahlen.

Zwischendurch kann es kleine, aber trügerische Lichtblicke geben: Die Kinder schaffen es, einfache Aufgaben richtig zu lösen. Dass sie aber die Aufgaben lediglich auswendig gelernt haben, ohne sich die Mengen vorzustellen, bleibt zunächst verborgen.

Beispiel: 4 plus 4 sind 8. Rechenschwache Kinder können sich die Menge 4 (zum Beispiel vier Äpfel) nicht vorstellen. Aufgaben, die in den Zehner- oder Hunderterbereich hineingehen, werden zwangsläufig falsch gelöst, weil sie, vereinfacht ausgedrückt, über die zehn Finger hinausgehen.

Abwarten, üben, üben, üben – das ist nicht der richtige Weg

Es gibt Hilfe. Und die ist gar nicht so weit weg. Nicht etwa üben, üben, üben, sondern der Weg nach Braunschweig bringt Hilfe. Dr. Michael Wehrmann, Mitautor des Buches „Rechenschwäche Dyskalkulie: Symptome – Früherkennung – Förderung“ ist wissenschaftlicher Leiter des Braunschweiger Instituts für Mathematisches Lernen. Wehrmann ist sich sicher: „Bei aufkommenden Rechenproblemen ist abwarten und üben, üben, üben der falsche Weg. Die Praxis zeigt, wie wichtig eine differenzierte Diagnose für den Erfolg einer Lerntherapie ist. Erst ein tiefergehender Blick hinter die erbrachten Leistungen und die kritische Nachfrage, welche Kenntnisse der Schüler wirklich verinnerlicht hat, liefern die Auskunft über die Lernausgangslage.“

Eine deutliche Meinung hat Wehrmann über klassische Schulleistungstests: „Sie geben bei Problemen immer nur negative Auskünfte über die Unfähigkeit des Schülers.“ In den vergangenen Jahren haben sich stattdessen diagnostische Verfahren etabliert, an deren Ende ein detailliertes Fehlerprofil steht, das auf das Verhältnis zwischen dem Betroffenen und der Mathematik schließen lässt. Darüber hinaus kann der bisherige (Irr-)Weg des Schülers bei seiner mathematischen Begriffsbildung nachvollzogen werden.

Die neunjährige Katrin hat durch besagtes Verfahren und die daraufhin abgestimmte Förderung einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht. Sie hat inzwischen ein Verständnis für Zahlen entwickelt. Ein Mathewunder ist sie dadurch nicht geworden. Etwas viele wichtigeres hat Katrin erlebt: Die Angst vor Mathe ist so gut wie weg.

Eine Frage ist noch unbeantwortet: Wie kam Katrin darauf. dass 83–79 die Lösung 16 ergibt? Angelika Albert aus Melle, freie Journalistin und selbst betroffene Mutter, erklärt den Rechenweg: „Statt zu rechnen zählen Kinder wie Katrin an den Fingern, um Aufgaben zu lösen. Bei der Aufgabe 83–79 hat sie erst 80–70 gerechnet, und weil 3–9 „nicht geht“, einfach die Aufgabe umgedreht und bei 9–3 drei Schritte rückwärts gezählt, so dass 6 heraus kommt. Und 10+6 ist ja wohl 16, oder?“

Wenn der Einstieg in die Welt der Zahlen nicht gelang und grundlegende Dinge unverstanden sind, könnte eine Rechenschwäche vorliegen. Der folgende Fragenkatalog bringt mehr Klarheit:

Mathematischer Bereich:
  • Rechnet Ihr Kind Aufgaben stur zählend?
  • Benutzt es beim Rechnen permanent die Finger?
  • Verwechselt Ihr Kind Vorgänger/Nachfolger einer Zahl?
  • Werden die Ziffern in einer Zahl vertauscht (76 statt 67)?
  • Lehnt ihr Kind Teilungsaufgaben prinzipiell ab?
  • Tauchen bei Lückenaufgaben (x–3=4) Schwierigkeiten auf?
  • Rechnet Ihr Kind nach 4+5 Aufgaben wie 14+5 oder 14+15 neu aus?
  • Hat es große Schwierigkeiten bei Zehner-/Hunderterübergängen?
  • Werden Text- oder Sachaufgaben strikt abgelehnt?
Lernverhalten:
  • Vergisst Ihr Kind Rechenaufgaben, die es am Vortag noch konnte?
  • Benötigt es auch bei einfachen Aufgaben ungewöhnlich lange Zeit?
  • Gibt es beim Mathematik-Üben zu Hause ständig Streit?
  • Blockt Ihr Kind nur ab, wenn es um Mathematik geht?
Alltag:
  • Klagt Ihr Kind über Bauch-/Kopfschmerzen vor Klassenarbeiten?
  • Gibt es große Probleme beim Rechnen mit Euro und Cent?
  • Bestehen Schwierigkeiten beim Rechnen mit Größen und Gewichten?
  • Fällt es ihrem Kind schwer, die Uhr mit Zeigern zu lesen?

Sie haben viele Fragen mit „Ja“ beantwortet? Dann könnte Ihr Kind unter einer Rechenschwäche leiden. Suchen Sie das Gespräch mit Lehrern und/oder lassen Sie sich in einer Facheinrichtung für Dyskalkulie beraten. Adressen und weitere Informationen zum Thema erhalten Interessierte beim Institut für Mathematisches Lernen, Steinweg 4, 38100 Braunschweig (Tel. 0531-12167750) oder im Internet unter www.zahlbegriff.de.

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Wolfenbütteler Schaufenster vom 16. Januar 2005
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Wolfenbütteler Schaufenster vom 16.01.2005

Wenn Mathe für Kinder zur Qual wird

Es gibt Hilfe für Kinder mit Rechenschwäche

von Angelika Albert

„Rechnen ist doch ein Kinderspiel!“ Für manche Kinder ist es jedoch eine Fülle von schier unlösbaren Aufgabenstellungen. Rund sechs Prozent der deutschen Grundschüler (neuere Untersuchungen gehen von zehn Prozent aus) scheitern an den, nach Schätzungen von Fachleuten, grundlegenden Anforderungen der Mathematik.

Anders als bei der Legasthenie, der Lese-Rechtschreibschwäche, die als Teilleistungsschwäche Akzeptanz findet, stoßen Kinder mit Rechenschwäche häufig noch auf großes Unverständnis. Dabei handelt es sich bei Kindern mit dieser Lernschwäche oft um intelligente Schüler mit vielseitigen Interessen. Durchaus aufgeweckte Kinder verwechseln die Grundrechenarten wie Addition und Subtraktion, missachten die Stellenwerte, schreiben Ziffern seitenverkehrt. Multiplikationsaufgaben werden nur durch reines „Auswendiglernen“ eingeübt – aber vom Kind nicht verstanden oder erfasst und „Geteilt-Aufgaben“ stellen diese Kinder vor unüberwindbare Probleme.

Da hilft kein Pauken – der Rechenschwäche oder Dyskalkulie, wie der Fachbegriff lautet, muss grundlegend abgeholfen werden. „Das Problem bei Schulkindern, die unter Dyskalkulie leiden, ist, dass sich die innere Logik ihres mathematischen Denkens dem Außenstehenden nicht ohne weiteres erschließt“, erläutert Hermann Theisen, Leiter des Therapiezentrums Rechenschwäche/Dyskalkulie in Hannover, die Rechenschwäche. Es fällt im Schulunterricht immer wieder auf, dass es Kinder gibt, die überhaupt keine mathematische Vorstellung haben. Statt mit Zahlen zu rechnen, wird bei „plus“ an den Fingern mühsam „hochgezählt“ und bei „minus“ dann „runtergezählt“. Erst durch die Lerntherapie seien Schüler und Schülerinnen in der Lage, Mathematik wirklich zu begreifen und nicht „durch bloßes“ Auswendiglernen Eltern und Lehrer „zu täuschen“.

Die Ursachen für eine Rechenschwäche sind vielfältig. Eine Förderdiagnostik gibt Aufschluss, ob eine gezielte Lerntherapie erforderlich oder ob dem Kind mit einer Förderung durch eine ausgebildete pädagogische Kraft gedient ist.

Früherkennung ist wichtig

Eine nicht erkannte Rechenschwäche schafft viel Leid bei den betroffenen Kindern. Daher muss der Blick für aufkommende Rechenprobleme schon im Anfangsunterricht geschärft werden. Abwarten und üben, üben, üben ist der falsche Weg. Hilfe gibt hier ein neues Buch des Arbeitskreises des Zentrums für angewandte Lernforschung (www.arbeitskreis-lernfoschung.de) mit dem Titel „Rechenschwäche – Dyskalkulie, Symptome, Früherkennung, Förderung“. Es sind viele Anregungen und Materialien zu finden, wie man sinnvoll mit rechenschwachen Kindern arbeiten kann. Mitautor dieses Buches ist der Leiter des Braunschweiger Instituts für Mathematisches Lernen, Dr. Michael Wehrmann.

„Das Buch ist keine wissenschaftliche Abhandlung zum Themenbereich Rechenschwäche/Dyskalkulie, sondern ein Buch aus der Praxis für die Praxis mit vielen Materialien und Anregungen, wie man sinnvoll mit rechenschwachen Kindern und Jugendlichen arbeiten kann“, erläutert Michael Wehrmann den neuen Fortbildungs-Reader.

Nähere Informationen zum Thema „Rechenschwäche“ erhalten Intressierte, Lehrer und betroffene Eltern beim Institut für Mathematisches Lernen Braunschweig, Steinweg 4, 38100 Braunschweig, Telefon 0531/12167750 oder im Internet unter www.zahlbegriff.de. Auch obiges Buch kann dort zum Preis von 10 Euro zuzüglich Versandkosten bestellt werden.

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Braunschweiger Zeitung vom 14. November 2003
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Braunschweiger Zeitung vom 14.11.2003

Welt der Zahlen als Welt der Qualen

Die älteren Lehrer haben während ihres Studiums nichts über Rechenschwäche erfahren

von Harald Duin

Dr. Michael Wehrmann, Braunschweiger Mitautor des gerade erschienenen Werkes „Rechenschwäche/Dyskalkulie: Symptome – Früherkennung – Förderung“, gehört zu den Unaufgeregten im Lande. Wohl deswegen nehmen seine Gespräche mit Lehrerinnen und Lehrern durchweg einen kooperativen Verlauf.

Es gibt Gründe, beim Thema Rechenschwäche mehr miteinander zu reden. Weil bei einigen Kindern, die rechenschwach sind, Ermahnungen, doch mehr zu üben, völlig fruchtlos bleiben müssen. Und da hilft bei diesen Kindern auch kein Anschauungsmaterial von irgendwelchen Didaktikern, die sich Verständnisbarrieren nur mit Dummheit erklären können.

Im Stadium allseitiger Verzweiflung beginnt üblicherweise die Suche nach den Schuldigen. Die Lehrerin möchte, natürlich, nicht Schuld sein, kann sie sich doch mit dem Hinweis retten, dass die anderen Kinder es doch auch können. Schuld sein wollen auch nicht die Eltern, die doch Stunde um Stunde mit ihrem Kind geübt haben. Bleibt das Kind, das als potenziell Schuldiger auch deswegen leicht zwischen den Fronten aufgerieben wird, weil es die typischen Manöver der Entlastung nicht zur Verfügung hat.

In dem oben erwähnten von Wehrmann mitverfassten Buch wird der Pädagogikwissenschaftler Ernst Begemann mit einer Aussage über Klassenarbeiten rechenschwacher Kinder zitiert: „Er (der Lehrer) sieht nicht, warum ein Schüler das oder das tut, welche Strategien er anwendet oder welche schematischen Muster er einsetzt. Das Ergebnis ist: Lehrer sehen, wenn sie hinsehen, ‚Ergebnisse‘, und die werden mit ihren ‚richtigen‘ verglichen. Ein richtiges Ergebnis gilt als positive Leistung. Fehler werden als Versagen gewertet, als Nichtkönnen oder Nichtwollen oder als Unaufmerksamkeit interpretiert.“ In diesem Zusammenhang wirkt dann die „Sechs“ für ein rechenschwaches Kind wie der Konter eines unverstandenen Lehrers.

Besuch bei Wehrmann in seinem Institut für Mathematisches Lernen (IML) – eine Beratungs- und Forschungseinrichtung zur Diagnose, Therapie und Prävention der Rechenschwäche. Nicht alle Lehrer betrachten das Wirken dieser Einrichtung mit vollem Vergnügen. Da geht es auch um die Frage, wer in diesem Spiel eigentlich „Experte“ ist und wer nicht. Und wenn da einer wie Wehrmann kommt und sagt „Ihr macht da was falsch“, kann das Gespräch schnell zu Ende sein. Wehrmann zur BZ: „Uns gäbe es doch gar nicht, wenn die Schule ihrem Bildungsauftrag entspräche.“ Er hat persönlich ein Problem damit, wenn es in Zeugnissen heißt: „Hat das Lernziel nicht erreicht“ oder „Der kleine Stefan müsste mehr üben“.

Wehrmann und seine Mitarbeiter gehen anders ran. Sie unterscheiden nicht zwischen richtig und falsch, möchten vielmehr erst einmal wissen, wie das Kind rechnet. Es kann zum Beispiel sein, dass es Probleme mit der Funktion von Zahlen und Ziffern hat, diesen etwa keine Mengen zuordnen kann. Vielleicht verdreht es die Zahlen, kann Zehnersprünge, für andere kinderleicht, nicht begreifen. Wer einen Ansatz zur Hilfe eines solchen rechenschwachen Kindes sucht, muss erst einmal dessen gedanklichen Kurs beim Rechnen kennenlernen.

Julia Karakaya, Lehrerin an der Grundschule Lehmanger Weststadt und Fachseminarleiterin Mathematik am Studienseminar Braunschweig, zur BZ: „Fast alle meiner Kollegen haben während ihrer Ausbildung (sowohl in der ersten Phase, wie auch um Referendariat) nichts über das Thema Rechenschwäche erfahren. Grundschullehrer müssen Fächer unterrichten, deren Didaktik sie nie studiert haben, dazu gehört auch das Fach Mathematik. Wie sollen diese Lehrer also bei all der genannten Problematik in der Lage sein, ein rechenschwaches Kind optimal zu fördern, auch wenn sie guten Willens sind?“

Wie Julia Karakaya mitteilt, wird in der Lehrerausbildung an der Technischen Universität Braunschweig das Thema Rechenschwäche für die Lehramtsstudenten mit dem Fach Mathematik und dem Schwerpunkt Grundschule seit ca. drei Jahren angeboten. Die bereits unterrichtenden Lehrer haben neuerdings die Möglichkeit, an Lehrerfortbildungen teilzunehmen, die von Dr. Wehrmann geleitet werden.

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Braunschweig Report vom 09. Juli 2003
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Braunschweig Report vom 09.07.2003

Rechenschwäche – ein gravierendes Problem an den Grundschulen

Für manche Kinder ist Rechnen gar kein Kinderspiel, sondern eine Fülle schier unlösbarer Probleme. So wie ihre Leidensgenossen, die Legastheniker, mit Lesen und Schreiben zu kämpfen haben, scheitern sie an den grundlegenden Anforderungen der Mathematik.

Unter Rechenschwäche (Dyskalkulie) leiden oft unerkannt etwa fünf Prozent der Grundschüler: ein Teufelskreis von schulischem Versagen und tränenreichem Streit zu Hause hat dabei meistens schon eingesetzt. Das Institut für Mathematisches Lernen nimmt sich der gezielten Förderung rechenschwacher Kinder an und hat jetzt ein Buch zum Thema veröffentlicht. Maren ist zehn Jahre alt und besucht bereits die dritte Klasse. „Jedes Mal ist alles wie weggeblasen“, klagt die Mutter, „wir üben stundenlang Rechenaufgaben und die Mathearbeit wird doch wieder eine fünf!“

So wie Maren geht es vielen Kindern: sie weisen eine Dyskalkulie auf. Am Institut für Mathematisches Lernen in Braunschweigs Stadtmitte wird Rechenschwäche seit Oktober 2002 fachmännisch diagnostiziert und auch therapiert, wenn die Möglichkeiten der schulischen Förderung überschritten sind. „Wir wurden oft gefragt, ob wir unsere Fortbildungs-Materialien nicht gesammelt herausgeben könnten“, so der Leiter des Instituts, Herr Dr. Wehrmann. Dies ist nun erfolgt.

Für Lehrer, Beratungsstellen und interessierte Eltern ist ein Fortbildungsband mit vielen Texten und Praxismaterialien erschienen: „Rechenschwäche/Dyskalkulie – Symptome, Früherkennung, Förderung“ heißt das 240-seitige Werk, das zum Preis von zehn Euro verfügbar ist. Unter der Telefonnummer 0531/121677-50 können Sie das Buch ab sofort vorbestellen. Zudem bietet das Institut für betroffene Eltern und Lehrer unter dieser Nummer jede Woche eine kostenlose Telefonsprechstunde zur Thematik Rechenschwäche an.

Das Institut bietet auf seiner Hompage www.iml-braunschweig.de zudem zahlreiche Info-Materialien zum Thema Rechenschwäche an. Für weitere Fragen zum Thema Dyskalkulie wenden Sie sich bitte an das Institut für Mathematisches Lernen, Diagnose und Therapie der Rechenschwäche in Braunschweig, Steinweg 4, Tel. 0531/121677-50, Fax 0531/121677-59, Bestellung@iml-braunschweig.de

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neue Braunschweiger vom 24. Oktober 2002
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neue Braunschweiger vom 24.10.2002

Wenn Logik nicht logisch ist

Dyskalkulie lässt Kinder an Zahlen verzweifeln

von Marion Korth

Eine kleine Rechenaufgabe zur Einstimmung: Wie viel ergibt 81 minus 79? Zwei, ist doch logisch, oder? Ein Kind, das unter Dyskalkulie leidet, kommt möglicherweise zu einem ganz anderen Ergebnis, nämlich 18.

Die Gesetze der Mathematik verschließen sich Kindern mit Rechenschwäche vollkommen. Sie haben keine Vorstellung von Mengen und Zahlen, begreifen nicht die Prinzipien der Grundrechenarten. Diese Kinder machen aus der Not eine Tugend, entwickeln ihre ganz eigene Logik, um mit den widerspenstigen Zahlen dennoch zu Rande zu kommen. So lässt sich dann auch das Ergebnis 18 erklären. Das Kind trennt die beiden Zahlen, so wird 81 zu acht und eins, die 79 zu sieben und neun. Dann wird „logisch“ weitergerechnet: acht minus sieben ist eins, und weil sich in seinem Verständnis von der Eins keine Neun abziehen lässt, dreht es die beiden Ziffern einfach um, rechnet neun minus eins und erhält eine Acht. Die Eins von der ersten Rechenoperation davorgeschrieben macht 18. Alles klar?

Nur in den seltensten Fällen hat Dyskalkulie krankhafte Ursachen. Dr. Michael Wehrmann spricht von einer Entwicklungsverzögerung, von gedanklichen Prozessen, die erst angestoßen werden müssen. Und er tritt dem Urteil entgegen, dass Rechenschwäche etwas mit Dumm- oder Faulheit zu tun hat. Täglich hat er mit Kindern zu tun, die auf den abenteuerlichsten Wegen nach der richtigen Lösung suchen und doch immer wieder scheitern müssen, weil sie Grundlegendes nicht verstanden haben. In seinem Institut für Mathematisches Lernen, das vergangene Woche eröffnet hat, will er Kindern einen Ausweg aus der gedanklichen Sackgasse weisen und Erwachsene auf ein Problem aufmerksam machen, das bislang wenig Beachtung fand.

Manchmal hilft alles Pauken nicht

Der Begriff der Dyskalkulie stammt aus dem Jahr 1918. „Aber die moderne Pädagogik beschäftigt sich mit dem Phänomen erst seit den 80er-Jahren“, sagt Wehrmann. Dabei würden nach einer Untersuchung der Charité Berlin sechs Prozent der Grundschüler an Rechenschwäche leiden. Die Eltern versuchen, ihren Sprösslingen die richtigen Ergebnisse einzupauken. Manchmal mit trügerischem Erfolg: „Die Kinder lernen auswendig, dass drei plus vier sieben ergibt“, sagt Wehrmann. Aber sie sind aufgeschmissen, wenn die Aufgabe plötzlich umgekehrt heißt: vier plus drei. Was fehlt, ist die Vorstellung von abstrakten Zahlen. Bei zehn ist häufig endgültig Schluss, weil die Kinder nicht mehr Finger zur Verfügung haben, um sich in Einerschritten an die Lösung heranzupirschen.

Unter dem Strich kommt bei der ganzen Paukerei meist nur das heraus: enttäuschte, ratlose Eltern und frustrierte, verunsicherte Kinder. Aus dem oft gehörten Ausspruch „Mathe ist doof“ werde dann oft „Schule ist doof“ – daran zeigt Wehrmann den Weg in die völlige Verweigerungshaltung auf. Schon während seines Studiums hat den Mathematiker gestört, dass die natürlichen Zahlen offenbar nicht erklärungswert sind. „Da wird gesagt, das ist so, und dann ist das so“, sagt Wehrmann. Der Mathematiker begann, sich mit Pädagogik zu beschäftigen, hat sich darauf spezialisiert, Methoden zu vermitteln, um Kindern das Unbegreifliche begreifbar zu machen.„Da müssen viele Knoten platzen, aber in durchschnittlich zwei Jahren kann die Rechenschwäche überwunden werden. Ein Mädchen, das bei uns in der Lerntherapie war, langweilt sich jetzt in der vierten Klasse, ist unterfordert, es hat einfach begriffen, worum es geht.“

Ab der zweiten Klasse kann eine Rechenschwäche diagnostiziert werden. Die Förderung, die Wehrmann mit seinem Team von Sonderpädagogen, Psychologen und Therapeuten anbietet, ist nicht billig, nur in Einzelfällen ist eine Kostenübernahme möglich. Um das zu ändern, ist noch viel Aufklärung notwendig, damit Dyskalkulie so bekannt wird wie Legasthenie. Mit dem Vortrag „Rechenschwäche: Die Qual mit der Zahl“ am heutigen Donnerstag ab 19 Uhr in der Brunsviga, Karlstraße, macht Wehrmann den Anfang. Informationen gibt er auch unter Telefon 0531-12167750.

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Braunschweiger Zeitung vom 24. Oktober 2002
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Braunschweiger Zeitung vom 24.10.2002

Lauter Qualen in der Welt der Zahlen

Wie das gerade gegründete Institut für Mathematisches Lernen rechenschwache Grundschüler fördert

von Harald Duin

Der Mann, Dr. Michael Wehrmann, hat eine Engelsgeduld. Es ist die Geduld eines Wissenschaftlers, der weiß, dass mit Vorwürfen, mit Übungsorgien vor Klassenarbeiten, keinem rechenschwachen Kind geholfen ist. Sechs Prozent der Grundschüler werfen in der Welt der Zahlen alles durcheinander. Tragödien zu Hause („Du kannst ja nicht einmal 13 plus 5 zusammenzählen“), ratlose Lehrer. Deren Ratlosigkeit hat oft genug dazu geführt, dass eigentlich normal intelligente Schüler in die Sonderschule kamen.

Dumm, weil man nicht rechnen kann? Die Einordnung der Erwachsenen tut dem rechenschwachen Kind, das andere Ergebnisse produziert, als erwartet, in der Seele weh. Dabei strengen sich rechenschwache Kinder gedanklich ungeheuer an. Es sind freilich Denkvorgänge der Marke Eigenbau. Eltern und Lehrer verkennen völlig die Schwierigkeiten eines solchen Kindes mit der scheinbar so einfachen Materie der Grundschulmathematik. Diesem Kind will sich die innere Logik mathematischen Denkens nicht erschließen.

In Braunschweig, am Steinweg 4, ist in diesen Tagen das Institut für Mathematisches Lernen eröffnet worden. Dr. Michael Wehrmann, der mit Inga Diop die Einrichtung leitet, hat sich jahrelang wissenschaftlich mit dem Thema Rechenschwäche (Dyskalkulie) beschäftigt und eine Doktorarbeit darüber geschrieben – Erkenntnisse, die es möglich machen, das rechenschwache Kind effektiv zu fördern.  …

Wehrmann kommt mit einem Beispiel: mit Sabrina. Sie ist begeistert. Zum ersten Mal hat sie begriffen, warum zwei plus zwei tatsächlich vier ergeben. Auswendig gelernt hatte sie es schon lange, aber eben nie verstanden. Erst in der Therapie vermag die achtjährige Schülerin sich Zahlen als Quantitäten vorzustellen.

Sabrina ist nicht dumm. Aber sie beherrscht in der Welt der Zahlen vieles noch nicht, was von einem gleichaltrigen Kind erwartet wird. Für sie ist das herausgegebene Wechselgeld im Supermarkt eine Glaubensfrage, das Taschengeld darf nur in fünf einzelnen Eurostücken und keineswegs in einem Fünf-Euro-Schein ausgezahlt werden, und den Beginn ihrer Lieblingssendung im Fernsehen verpasst sie regelmäßig – die Uhrzeiger ergeben für sie keinen Sinn! „Phänomene“, so Wehrmann, „die Eltern und Lehrer gleichermaßen ratlos machen.“ Durchaus aufgeweckte Kinder wissen größer und kleiner, länger und kürzer nicht voneinander zu unterscheiden. Sie verwechseln Grundrechnenarten wie Addition und Subtraktion, missachten Stellenwerte oder schreiben Ziffern seitenverkehrt.

Und nun fängt Wehrmann in seinem Institut nicht etwa an, mit den ihm anvertrauten Kindern fleißig zu üben. Beim Wort „üben“ macht er regelmäßig ein Gesicht, als habe er in eine Zitrone gebissen. Für ein sinnvolles Üben müsse ein Kind erst einmal eine begriffliche Grundlage gewinnen, sonst sei jedes Üben, jedes Pauken von Rechenvorgängen so gut wie sinnlos. Das erklärt auch, warum selbst viele Stunden Nachhilfe oft nichts fruchten.

Persönliches Fehlerprofil

Am Anfang jeder Lerntherapie stehen Fragen. Wehrmann möchte einen Dialog mit dem Kind beginnen, dessen Denkstrategien begreifen. Seine Methode der „qualitativen Fehleranalyse“ ermöglicht es, die Quellen der Rechenfehler schrittweise einzugrenzen, bis sich ein individuelles Defizitbild, das persönliche Fehlerprofil, ergibt.

Das Institut für Mathematisches Lernen möchte schon bald einen engen Kontakt zu betroffenen Eltern und Lehrern aufbauen. Es will sich künftig auch um rechenschwache Auszubildende kümmern. Denn diese sind auf dem Arbeitsmarkt nahezu chancenlos. Das Institut versteht sich bei diesem Thema im Übrigen als Fortbildungsstätte. Es will neben Pädagogen auch Mediziner und Psychologen informieren.

Den Eltern möchte Wehrmann immer wieder sagen: „Ihr Kind ist nicht für seine Rechenschwäche verantwortlich.“ Erbliche Ursachen für diese Defizite nach dem Motto „Dein Opa konnte auch nicht rechnen“ schließt er aus: „Es gibt kein Gen für Rechenschwäche.“

  
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